Akupressur - die Massage mit der Fingerspitze

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Wenn es juckt oder irgendwo Schmerzen auftreten, dann berührt der Betroffene instinktiv diese Stellen, um dort vorsichtig zu pressen oder zu massieren. In dieser Urform gehört die Akupressur sicherlich zu den ältesten Hausmitteln überhaupt. Doch auch als ärztliches Heilverfahren besitzt sie eine lange Tradition, wahrscheinlich wurde sie in China schon vor 4.000 Jahren als Alternative zur Akupunktur eingesetzt.

In den theoretischen Ansätzen funktionieren Akupressur und Akupunktur ähnlich. Beide gründen auf den Vorstellungen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), wonach das gesamte Leben durch zwei polare Energien, Yin und Yang, beherrscht wird, aus deren Wechselspiel sich wiederum die Lebensenergie Chi entwickelt. Im Falle einer Krankheit kommt es zu einer Schwächung der Lebensenergie und Yin und Yang geraten aus der Balance.

Dieses Krankheitsmodell passt nicht so richtig zum Verständnis der westlichen Welt, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die beiden Grundenergien nicht so recht in Worte gefasst und am besten noch mit weiblichem und männlichem Prinzip übersetzt werden können. Derartiges ist für die westliche Medizin kaum nachvollziehbar, für die Ärzte der TCM bildet es jedoch die Grundlage ihres gesamten Arbeitens.

Die Aufgabe der Akupressur, ebenso wie der Akupunktur, ist es, den richtigen Fluss der Lebensenergie Chi zu bewirken und damit die Balance von Yin und Yang wieder herzustellen. Dazu setzen beide Heilverfahren mit ihren Stichen beziehungsweise ihrem Pressen an speziellen Punkten an. Diese Punkte stehen zu ganz bestimmten Organsystemen in Verbindung.

Das Geheimnis der Meridiane

Gemäß der traditionellen chinesischen Vorstellung ist der gesamte Körper von einem Netz von Kanälen (etwa 20 an der Zahl) überzogen, die mit Akupunktur oder Akupressur erreicht werden können. Da sie an jene Längengrade erinnern, die von den Landkarten bekannt sind, werden sie auch als Meridiane bezeichnet. Auf diesen Meridianen fließt die Lebensenergie Chi und auf ihnen liegen die über 300 Akupressurpunkte.

Ziel der Akupressur ist es, durch die Reizung bestimmter Punkte einen positiven, Lebensenergie stärkenden Einfluss auf die Organe zu nehmen. Das können auch Punkte sein, die von der schmerzenden Stelle weit entfernt liegen.

Obwohl die Punkte für die Akupunktur und Akupressur identisch sind, bestehen zwischen den Behandlungsmethoden große Unterschiede. Bei der Akupunktur handelt es sich um ein Verfahren, das Körperfunktionen durch gezielte Mikroverletzungen beeinflusst. Der Körper wird also gezielt verletzt, um selbstheilende Reparaturmechanismen in Gang zu setzen.

Dieser Aspekt fehlt den sanften Massagetechniken der Akupressur. Ihre Reizwirkung muss daher als deutlich schwächer eingeschätzt werden. Die Akupressur hat die Eigenschaft, Spannungen und Verkrampfungen in der Muskulatur abzubauen. Durch sie wird die Durchblutung verbessert, das schmerzende Gewebe wird besser mit Nährstoffen versorgt und von Stoffwechselzwischenprodukten entsorgt.

Die Akupressur wird daher unter anderem in der Behandlung von Spannungskopfschmerzen, Nacken- und Rückenschmerzen sowie von Sportverletzungen, Menstruationskrämpfen und Schlafstörungen eingesetzt.

Und dass dies funktioniert, ist vielfach belegt. In alten Zeiten wurden nämlich die Ärzte in China erst dann bezahlt, wenn die Beschwerden verschwunden waren. Die Akupressur hätte sich demnach bei mangelnden Erfolgen nicht durchsetzen können.

Wie wird Akupressur durchgeführt?

Ein spezieller Vorteil der Akupressur liegt darin, dass sie vom Patienten auch in Eigenregie durchgeführt werden kann, außerdem wird bei ihr kein Risiko eingegangen. Das Massieren eines falschen oder falsch lokalisierten Punktes bringt zwar wenig oder keinen Erfolg, verursacht aber meist auch keinen Schaden.

Allerdings sollte nicht über Tumoren, auf Hauterkrankungen oder Wunden massiert werden. Die Massage hilft ebenfalls nicht, wenn Organe oder Knochen geschädigt sind. Auch im Falle von schweren Herz-Kreislaufbeschwerden ist Vorsicht geboten. Schwangere Frauen sollten sich vor der Selbstbehandlung bei einem Arzt nach den Risiken erkundigen.

Damit die Akupressur auch tatsächlich hilft, ist es wichtig zu wissen, wo genau die entscheidenden Punkte liegen und mit welchem Finger sie angesprochen werden müssen. Schaubilder können bei der Orientierung helfen. Nützlich ist natürlich eine Unterweisung durch einen Facharzt oder einen Therapeuten. Volkshochschulen bieten ebenfalls Einführungskurse in der Akupressur an.

Um den avisierten Punkt zu finden, wird zunächst ein kleiner Bereich drumherum vorsichtig abgetastet. Meistens gibt es eine leicht eingebuchtete Stelle, die mit dem Finger schnell gefunden werden kann. Wichtig ist, dass der Druck langsam gesteigert wird und es dürfen nicht zu viele Stellen auf einmal gepresst werden.

Der Organismus braucht eine Weile, um die Reize zu verarbeiten. Aber mit der Zeit bekommt jeder ein Gespür dafür, was der Körper braucht. Ist der Punkt gefunden, werden mit Daumen, Zeige- oder Mittelfinger sanft kreisende Bewegungen im Uhrzeigersinn ausgeführt.

Darauf sollte man achten

Es wird etwa ein bis drei Minuten, bei Kindern nur eine halbe Minute massiert. Nach einer kurzen Pause kann die Akupressur noch einmal wiederholt werden. Wichtig ist, dass der Massagedruck die Schmerzgrenze nicht überschreitet, außerdem sollte er rhythmisch verstärkt und abgeschwächt werden.

Darüber hinaus sollten die Akupressurpunkte stets auf beiden Körperhälften behandelt werden, um - wie traditionelle chinesische Mediziner immer wieder betonen - nicht für ein neues energetisches Ungleichgewicht zu sorgen.

Wer will, kann die Haut vorher mit etwas Massageöl einreiben. Durch die Anwendung von Johanniskraut- oder Calendulaöl lassen sich hier zusätzlich therapeutische Effekte erzielen, vor allem bei Sportverletzungen wie Blutergüssen, Muskelzerrungen und Muskelkater.

Bei akuten Schmerzen wird mit leichtem Druck, bei chronischen Beschwerden mit mittelstarkem Druck und nur in Ausnahmefällen mit richtig festem Druck massiert. Stimulierend wirkt es, bestimmte Punkte, zum Beispiel auf dem Scheitel, mit Zeige- oder Mittelfinger rhythmisch abzutrommeln.

In einigen Fällen bietet es sich an, einen sogenannten Akupressurstab zu verwenden. Dieser ist etwa neun Zentimeter lang und kann in Spezialgeschäften erworben werden. Mit seiner Hilfe können die Punkte sehr genau getroffen und gezielt behandelt werden. Damit ist auch eine Behandlung an Stellen möglich, die mit den Händen schlecht erreicht werden können. Weiterhin gibt es in der Apotheke z.B. Armbänder, Ohrringe und andere Hilfen, mit denen die Stimulation bestimmter Punkte besonders einfach gemacht wird.