Kortison – Fluch oder Segen?

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Kortison ist eine Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Substanzen, die sich in ihrer Struktur und ihrer Wirkung ähneln, die sogenannten Glucocorticoide. Es handelt sich dabei um Steroide, die als Hormone in der Nebennierenrinde gebildet werden. Dabei ist das Kortison die nichtwirksame Vorstufe des biologisch wirksamen Cortisols.

Es wird natürlicherweise bei jedem Menschen gebildet. Diese Bildung beginnt schon vor der Geburt in der sechsten Schwangerschaftswoche und läuft ab dann zeitlebens. Reguliert wird die Produktion über das Gehirn - mit einigen Besonderheiten. Zum einen ist die Produktion altersabhängig: Im Alter ist etwas weniger Cortisol vorhanden, dies hat wohl mit der Verstoffwechselung in der Leber zu tun.

Zum anderen ist die Bildung von Cortisol tageszeitabhängig: Morgens ist der Cortisolspiegel am höchsten und abends zur Zeit des Einschlafens am niedrigsten. Diese Besonderheiten sind geschlechtsunabhängig, laufen also bei Mann und Frau gleichermaßen ab.

Cortisol kann außer im Speichel auch im Blutplasma nachgewiesen werden. Dort ist Cortisol an ein bestimmtes Bluteiweiß gebunden: das Cortisol-bindende Globulin, das zweitwichtigste Albumin überhaupt.

Was macht Kortison?

Kortison wurde in den Jahren 1935 bis 1940 von verschiedenen Wissenschaftlern und Ärzten isoliert. Der Arzt Philip Hench injizierte im Jahr 1948 erstmals einer Patientin mit schwerem Rheuma Kortison. Diese konnte sich kurz darauf schmerzfrei bewegen. Zwei Jahre später erhielten Hench und zwei weitere Wissenschaftler gemeinsam „für ihre Entdeckung der Hormone der Nebennierenrinde, ihrer Struktur und ihrer biologischen Wirkung“ den Nobelpreis für Medizin.

Kortison ist ein lebenswichtiges Hormon für alle Zellen und beeinflusst in hohem Maße den Stoffwechsel. Es bewirkt zum Beispiel eine schnelle Freisetzung von Glucose, die vor allem bei der Bewältigung von Stresssituationen benötigt wird. Dadurch steigt der Blutzucker, um die Versorgung von Herz, Gehirn und Muskeln zu gewährleisten. Kortison bewirkt weiterhin, dass andere Organe vorübergehend ihre Energie aus dem Abbau von Fett anstatt von Blutzucker beziehen.

Kortison kann lebensrettend sein

Eine wichtige Rolle spielt Kortison bei der Entzündungsreaktion. Eine Entzündung kann durch eine Verletzung, eine Infektion, selbst durch einen Sonnenbrand hervorgerufen werden. Symptome sind Schmerzen, Rötungen und Schwellungen, die meist mit einer Wärmeentwicklung des betroffenen Gebietes verbunden sind.

Diese Folgen einer Entzündung werden von einem speziellen Eiweißmolekül ausgelöst. Kortison verbindet sich mit diesem Eiweißmolekül und deaktiviert somit dessen Wirkung. Damit werden die Schmerzen, die Rötungen und die Schwellungen in Grenzen gehalten. So unterdrückt Kortison auch Entzündungsreaktionen, die sich beispielsweise bei Rheuma in den Gelenken abspielen.

Bei der Asthmatherapie ist Kortison unverzichtbar geworden: Es werden die Entzündungsreaktionen in den Bronchien unterbunden und die Schleimproduktion gesenkt. Zusätzlich vermindert sich die Empfindlichkeit gegenüber Reizen, die einen Asthmaanfall auslösen können. Kortison ist daher das Dauermedikament jeder Asthmatherapie. Es unterdrückt auch die Reaktion bei Allergien, unter anderem gegen Pollen oder Hausstaub.

Weiterhin wird Kortison bei Hautkrankheiten wie zum Beispiel Neurodermitis, Ausschlägen und Ekzemen eingesetzt. Diese sind oft allergisch bedingt und äußern sich in entzündlichen Reaktionen.

Bei rheumatischen Erkrankungen hemmt Kortison die starken Entzündungen in den Gelenken und dämmt das überaktive Immunsystem ein. Bei Autoimmunerkrankungen, wie zum Beispiel beim systhemischen Lupus erythematodes, kann Kortison lebensrettend wirken.

Wichtig ist auch der Einsatz bei einem lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock, bei dem dieses Medikament stets zum Einsatz kommt. Bei Organtransplantationen kann unter anderem mit Kortison verhindert werden, dass das übertragene Organ wieder abgestoßen wird.

Wie ist das mit den Nebenwirkungen?

Viele Betroffene schrecken jedoch vor einer Anwendung von Kortison zurück, da sie schwerwiegende Nebenwirkungen befürchten – und das nicht ganz zu unrecht.

Als die ersten Kortison-Präparate auf dem Markt kamen, galten sie als Wundermittel gegen nahezu jede Krankheit. Doch der anfangs unkritische Einsatz führte dazu, dass viele und zum Teil schwere Nebenwirkungen im ganzen Körper auftraten.

Die Folge war u.a. das Cushing-Syndrom, das mit Muskelabbau sowie Fett- und Wassereinlagerungen einhergeht. Dies führte zu aufgeschwemmten Gesichtern, die dann als Kortison-Gesichter bekannt wurden.

Eine weitere Nebenwirkung war die Unterdrückung der körpereigenen Kortison-Produktion, die aufgrund der hohen Gabe von außen fast völlig eingestellt wurde. Bemerkbar machte sich dies durch Müdigkeit, Appetitverlust und eine mögliche Gewichtsabnahme.

Dazu kam eine Inaktivierung des körpereigenen Immunsystems, was zu einer erhöhten Infektanfälligkeit und zu Wundheilungsstörungen führte.

Neben Osteoporose traten auch Wachstumsverzögerungen bei Kindern und Jugendlichen in den ersten Anwendungsjahren auf. Weitere beobachtete Nebenwirkungen waren Magen- Darmgeschwüre, eine Verdünnung der Haut, Akne oder grüner und grauer Star.

Heute ist bekannt, dass die Nebenwirkungen von der Art des Kortisons, von der Dosierung und der Dauer der Anwendung abhängig sind. Man weiß inzwischen, dass selbst große Mengen an Kortison unbedenklich sind, wenn sie nur für kurze Zeit eingenommen werden.

Für die Langzeitbehandlung stehen angepasste Kortison-Präparate mit geringer Dosierung zur Verfügung. In lokalen Anwendungsformen, wie Gels, Cremes, Salben, Augentropfen, Nasensprays und Inhalatoren, wirkt das Kortison nur dort, wo es auch gebraucht wird.

Nebenwirkungen sind damit nur noch in geringem Maße zu beobachten oder fallen ganz weg. Inzwischen gibt es auch Salben und Nasensprays, die eine hohe Wirkung zeigen, aber dennoch rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind.